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Vom Umgang mit der deutschen Sprache

Wer dies liest in der Erwartung, hier Lachen zu können, dem sei gesagt, dass es hier nicht darum geht, was Fritz in sein Aufsatzheft geschrieben hat, sondern um Dinge von großer Öffentlichkeit und somit großer Tragweite.
Es ist alles andere als zum Lachen, wie Deutsche mit ihrer Muttersprache umgehen!

Merken Sie was?

Ein erstes Beispiel: in einer hervorragenden Sendereihe im öffentlich rechtlichen Fernsehen, Titel: Im Reiche des russischen Bären, (und der Eiserne Vorhang war noch gar nicht richtig unten am Erdboden angekommen,) heißt es in einer Folge über Tiere am Kaspischen Meer:
Das Weibchen legt ihre Eier knapp unterhalb der Wasseroberfläche ab.


Die Autorin (oder er) hat es nicht gemerkt, der Redakteur (oder sie) hat es nicht gemerkt, der Regisseur hat es nicht gemerkt, die Sprecherin hat es nicht gemerkt und der Tonmeister hat es auch nicht gemerkt. Und danach war es zu spät, selbst wenn die Cutterin es noch gemerkt hätte.

Wahrscheinlich hätte dann der Regisseur gesagt: "Lass man, das merkt doch keiner! "


Ich habe es an meinen Nackenhaaren gemerkt. Haben Sie es gemerkt?


Also, ungefähr das meine ich mit Öffentlichkeit und Tragweite.


Dieses Kapitel soll wachsen. Vielleicht fallen Ihnen auch Belege für den Verfall der deutschen Sprache auf. Scheuen Sie sich nicht, mir das zu senden, aber bitte mit hinreichend nachvollziehbarer Quellenangabe.



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So etwas wie eine Muttersprache ist ein sehr facettenreiches Gebilde. Physiker und Mathematiker sprechen bei so etwas von einem komplex dynamischen System. Dieser Begriff impliziert die Offenheit eines Systems, allerdings auch die Unmöglichkeit, das Morgen aus dem Gestern herleiten zu können. Solch ein System kann Jahrhunderte lang stabil sein, dann aber aus 'unwesentlichen' Gründen an irgend einer Ecke instabil werden, um dann ganz plötzlich in sich zusammen zu stürzen. Dann gibt es das System nicht mehr.


Die Muttersprache ist so ein System.

Sie ist immer gebunden an eine bestimmte Population von Menschen, die sie praktiziert.

Sprache praktizieren (sprechen) heißt für das Individuum zunächst, sie zu lernen. Dieser Vorgang spielt sich in unserem Kulturkreis im Vorschulalter ab, und zwar völlig unterschwellig. Sprechen wird nicht bewußt und aktiv von den 'Vorbildern' vermittelt, sondern es wird ganz einfach und ohne Anstrengung eher auf Initiative der Lernenden imitiert.

Das zeigt einerseits, wie elemantar wichtig Sprechen im bio-sozio-kulturellen Zusammenhang sein muss, allerdings auch, wie leicht angreifbar das System ist. Es genügt ein Mangel an Vorbildern, um dieses System instabil zu machen.

In dieser Situation sind wir momentan.

Fernsehen nützt da nichts. Die zum Lernen notwendige Interaktion fehlt. Was man beim frühen Sprechenlernen nicht an Repertoire erwirbt, wird man später beim Lesen oder Fernsehen gar nicht verstehen können. Es geht an einem vorbei. Ich meine damit nicht inhaltliche Fragen, sondern das Verständnis der grundlegenden, wie soll ich sagen? Struktursemantik.



Nurmalsodahingedacht

Sprache kann leicht zum Selbstzweck werden: Wie räume ich die gerade durch unbewußte Mehrdeutigkeit erzeugten Missverstandnisse (ohne neue zu erzeugen) wieder aus?

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